Philosophie

Die Philosophie des Homo Vollidiot

Ich glaube, dass wir Menschen eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzen: Wir schaffen es, uns das Leben unnötig schwer zu machen und halten genau das auch noch für vernünftig.

Dabei beginnt dieses systematische Verderben mit einem Satz, den fast jeder von uns irgendwann von liebevollen Eltern hört:

„Aus dir soll einmal etwas werden.“

Ein scheinbar harmloser Satz, der uns jedoch tiefgreifend konditioniert und uns unbewusst vermittelt, dass wir im Hier und Jetzt noch nicht genügen. Wir lernen früh, dass unser Wert an Leistung, gute Noten, Fleiß und Anpassung geknüpft ist. Dieser gesellschaftliche Prägungsfilter zwingt uns in die verheerende Falle des Marketing-Charakters. Um zu überleben, verwandeln wir uns selbst in eine Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt. Wir verdinglichen unsere Persönlichkeit, unser Lächeln, unsere Fähigkeiten und bieten uns selbst feil, um die Anerkennung und den Tauschwert äußerer Autoritäten zu erheischen.

Aus dieser tiefen Entfremdung heraus verbringen viele Menschen ihr gesamtes Leben mit einer absurden Formel:

„Ich muss etwas tun, um etwas zu haben, damit ich endlich jemand bin.“

Wir glauben, diese Formel (Tun → Haben → Sein) sei der einzige Weg zur Freiheit. Doch sie ist das unsichtbare stahlharte Gehäuse unseres Egos. Das Ego – dieser verängstigte Verstand, der um sein eigenes Überleben kämpft – versucht unentwegt, Sicherheit zu gewinnen, indem es Besitztümer, Wissen, Meinungen, Status und Menschen an sich bindet. Wir arbeiten in Berufen, die uns innerlich auslaugen, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, nur um die Angst vor dem Verlust unseres fiktiven Identitätsgefühls zu betäuben. Wir fragen uns panisch:

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Um dieses unerträgliche Gefühl der existenziellen Leere zu füllen, flüchtet das Ego in den permanenten Reizkonsum und verwechselt billigen „Spaß“ und künstliche Aufregung mit lebendiger Freude. Dieser Konsumzwang ist der Versuch des „ewigen Säuglings“, die ganze Welt in sich hineinzuschlingen, um das innere Vakuum zu füllen – ein kurzes Vergnügen, das uns nur noch leerer zurücklässt.

Und warum rennen wir so unermüdlich? Weil das Ego eine panische Angst vor der Stille hat. In der Stille, im absichtslosen, unkonzeptuellen Sein droht die Illusion des Egos nämlich zu kollabieren; es spürt seine eigene Substanzlosigkeit und existenzielle Ungewissheit. Um dieser Angst zu entkommen, stürzt sich das Ego in eine unruhige, rastlose Flut von „entfremdeter Geschäftigkeit“.

Wir tun nichts mehr um des Tuns willen.

Wir operieren ausschließlich in einer Mittel-Zweck-Rationalität, einem Wenn-Dann-Modus, bei dem die reine Freude am Handeln durch das Schielen auf eine Belohnung, ein Ergebnis oder einen Ehevertrag ersetzt wurde. Diese Verkopfung (Cerebration) entfremdet uns völlig: Wir denken nur noch, wir würden leben, während unser ganzer Mensch – unsere Augen, unsere Hände, unser Herz, unser Bauch – an der eigentlichen Erfahrung überhaupt nicht mehr teilnimmt.

Viele alternative Ratgeber schlagen vor, die Formel einfach umzudrehen: Sein → Tun → Haben. Doch das ist eine listige Falle deines Egos. Sobald das „Haben“ am Ende steht, wird dein Ego das „Sein“ nur als neue, clevere Methode missbrauchen, um am Ende doch wieder etwas zu besitzen – sei es Erleuchtung, Gelassenheit oder ein besseres Image. Es bleibt ein feilschendes Tauschgeschäft mit dem Leben.

Die radikale Lösung lautet nicht, das Ego zu optimieren, sondern es zu durchschauen und fallen zu lassen. Es gibt kein statisches, „wahres Selbst“, das du wie einen Besitzstand hüten und verwalten musst. Das Sein ist kein Ding, sondern ein fließender, lebendiger Prozess des schöpferischen Erlebens im Hier und Jetzt.

Die Formel für ein gelingendes Leben muss daher radikal gekürzt werden:

Sein → Tun

Ohne ein schielendes Wenn-Dann. Im Geiste des Mushotoku – des absichtslosen Daseins, das nichts gewinnen will.

Das bedeutet:

Nicht mehr lernen, um endlich genug zu sein, sondern lernen, weil es der schöpferische Ausdruck deiner lebendigen Natur ist.

Nicht mehr arbeiten, um deinen Wert als Ware zu beweisen, sondern wirken, weil du deine schöpferischen Kräfte mitfühlend in die Welt verströmen willst.

Nicht mehr erfolgreich sein wollen, um endlich glücklich zu werden, sondern im absichtslosen Tun vollkommen gegenwärtig anwesend sein.

Philosophie besteht nicht darin, Antworten auf alle Fragen des Egos zu finden. Sie besteht darin, die falschen Fragen der Habgier und des Kontrollzwangs nicht länger zu stellen.

Nicht:

„Was muss ich tun, um jemand zu sein?“

Sondern:

„Wer möchte ich im Hier und Jetzt sein, wenn ich nichts mehr besitzen muss?“

Und genau dort beginnt das wirkliche Leben. Nicht morgen, nicht nach dem nächsten Ziel. Sondern in diesem einen, unteilbaren Moment des Seins.

Denn das größte Wunder haben wir bereits erreicht:

Wir leben.