Philosophie

Die Philosophie des Homo Vollidiot

Ich glaube, dass wir Menschen eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzen. Wir schaffen es, uns das Leben unnötig schwer zu machen und halten genau das auch noch für vernünftig.

Dabei beginnt alles mit einem Satz, den fast jeder von uns irgendwann hört:

„Aus dir soll einmal etwas werden.“

Ein harmloser Satz. Liebevoll gemeint. Und trotzdem prägt er unser gesamtes Leben.

Denn von diesem Moment an glauben wir, dass wir noch nicht genügen. Dass wir erst lernen, leisten, arbeiten, verdienen und erfolgreich sein müssen, bevor wir irgendwann das Leben führen dürfen, das wir uns wünschen.

Wir lernen früh, dass unser Wert von Leistung abhängt. Gute Noten werden belohnt. Fleiß wird belohnt. Anpassung wird belohnt. Erfolg wird bewundert. Scheitern wird vermieden. Niemand sagt uns ausdrücklich, dass wir nur dann wertvoll sind, wenn wir etwas leisten. Aber genau diese Botschaft vermittelt uns unsere Umwelt jeden Tag.

Deshalb verbringen viele Menschen ihr gesamtes Leben mit derselben Formel:

Ich muss etwas tun, um etwas zu haben, damit ich endlich jemand bin.

Diese Formel bestimmt unsere Berufswahl, unsere Beziehungen, unseren Konsum und oft sogar unser Selbstwertgefühl. Wir arbeiten in Berufen, die uns nicht erfüllen, kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, und vergleichen uns mit Menschen, deren Leben wir in Wirklichkeit gar nicht führen möchten.

Dabei glauben wir, frei zu sein.

Ich glaube, wir sind es nicht.

Wir folgen Regeln, die wir nie selbst aufgestellt haben. Wir übernehmen Werte, die wir nie bewusst gewählt haben. Wir leben Geschichten, die andere für uns geschrieben haben. Eltern, Schule, Gesellschaft, Religion, Politik, Werbung und heute zunehmend Algorithmen und künstliche Intelligenz formen unser Bild davon, wie ein erfolgreiches Leben auszusehen hat.

Das Tragische daran ist nicht, dass diese Geschichten falsch sind.

Das Tragische ist, dass wir sie kaum jemals hinterfragen.

Dabei spricht vieles dafür, dass genau diese Lebensformel nicht funktioniert. Noch nie lebten Menschen sicherer, gesünder und wohlhabender als heute. Gleichzeitig nehmen psychische Erkrankungen seit Jahren zu. Wenn Erfolg tatsächlich automatisch zu einem guten Leben führen würde, müssten wir die glücklichste Generation der Menschheitsgeschichte sein.

Sind wir aber nicht.

Vielleicht, weil Erfolg und ein gutes Leben zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Ich glaube deshalb, dass wir die Reihenfolge verwechselt haben.

Wir glauben:

Tun → Haben → Sein.

Vielleicht beginnt ein gutes Leben aber genau andersherum.

Sein → Tun → Haben.

Nicht weil Ziele unwichtig wären. Nicht weil Geld bedeutungslos wäre. Nicht weil Leistung schlecht wäre.

Sondern weil all diese Dinge ihren Platz verlieren, sobald sie darüber entscheiden sollen, wer wir sind.

Ich glaube nicht, dass der Sinn des Lebens darin besteht, ständig jemand anderes zu werden.

Ich glaube, der Sinn des Lebens besteht darin, der Mensch zu sein, der wir längst sind.

Das bedeutet nicht, sich nicht weiterzuentwickeln.

Es bedeutet, Entwicklung nicht länger aus einem Gefühl des Mangels heraus zu betreiben.

Nicht mehr lernen, um endlich genug zu sein.

Nicht mehr arbeiten, um endlich wertvoll zu sein.

Nicht mehr erfolgreich sein, um endlich glücklich zu werden.

Sondern lernen, arbeiten und leisten, weil sie Ausdruck dessen sind, wer wir bereits sind.

Vielleicht besteht Philosophie deshalb nicht darin, Antworten auf alle Fragen zu finden.

Vielleicht besteht sie darin, die falschen Fragen nicht länger zu stellen.

Nicht:

Was muss ich tun?

Sondern:

Wer möchte ich sein?

Und vielleicht beginnt genau dort ein gutes Leben. Nicht morgen. Nicht nach dem nächsten Ziel. Sondern heute.

Denn das größte Ziel, das wir jemals erreichen können, haben wir bereits erreicht.

Wir leben.